Anmerkungen zum Buch

Das Buch „Die globale Denkgestalt - Grundriss eines Universalschemas zur vereinheitlichten Darstellung von Prozessen“ ist jetzt veröffentlicht. Worum geht es in diesem Buch?

Es geht  um die Behauptung, dass es möglich ist, mit einem einzigen visuellen Schema Prozesse in vereinheitlichter Form darstellen zu können. Während der Entwicklungs- und Veröffentlichungsphase des Universalschemas habe ich zahlreiche Gespräche geführt und gut ein Dutzend Vorträge und Workshops zu diesem Thema veranstaltet. Die häufigste Frage, die   mir gestellt wurde, war die Frage nach dem Sinn einer vereinheitlichten Darstellung von Prozessen.“Der Sinn einer universellen Illustration von Prozessen ist die Herstellung von Übereinstimmung, bezogen auf Wahrnehmung und Denkprozesse in vereinheitlichter  Form.“ [P.Hollitzer S. 10] Welchen konkreten Nutzen dieser Sinn hat, das muss erst noch gezeigt werden. Der Begriff Universalschema wird damit begründet, dass es - nach heutigem Wissen - keine Prozesse gibt, die nicht mit dem Universalschema dargestellt werden können. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich damit die Möglichkeit eröffnen möchte, mit einem breiten Publikum Fragen oder Konsequenzen diskutieren zu können, die sich aus der Tatsache heraus ergeben, dass es jetzt möglich ist, Prozesse in vereinheitlichter Form visualisieren zu können.  Hierzu habe ich Fragen im Buch formuliert, die unter der Überschrift „Fragen an die Wissenschaften, an die Gehirnforschung, an die Pädagogik und an die Politik" zu finden sind.

Das Anwendungsbeispiel „Die öffentliche Debatte über die Kernenergie in Deutschland“ habe ich im Herbst 2010 ausgewählt. Ich möchte an dieser Stelle nochmals darauf hinweisen, dass ich mir die Informationen über dieses Thema aus der Rolle eines Medienkonsumenten besorgt habe. Das heißt, ich bin kein Fachmann auf dem Gebiet der Kernenergie. Das Ziel dieses Anwendungsbeispiels ist es, anhand eines aktuellen Themas einen ersten Eindruck über das Arbeiten mit dem Universalschema „ globale Denkgestalt“  zu vermitteln.

Während der Veröffentlichungsphase habe ich mit verschiedenen Personen über den Inhalt des Buches gesprochen und dabei auch eine Menge von kritischen Anmerkungen zu hören und zu lesen bekommen. Zitat aus einer schriftlichen Stellungnahme zum Buchmanuskripts: „Auf Seite fünf setzt sich der Autor mit dem Begriff des Prozesses auf einer ¾ Seite auseinander. Es wird ein einziger Autor aus dem Jahr 1955 zitiert. Schon ein Blick ins Internet hätte genügt, um aufzuzeigen, dass dieses Brett hauchdünn ist. Kein historische Auseinandersetzung. Keine Auseinandersetzung mit den vielfältigen Prozessen in den Naturwissenschaften ...“. Ich habe lange überlegt, in welcher Form ich dieses Buch schreibe und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich mich nur auf das Nötigste beziehe. Es ist durchaus richtig, dass  über den Prozessbegriff wesentlich ausführlicher geschrieben werden kann als ich das getan habe. Ein Prozess ist Veränderung in der Zeit. Sämtliche Veränderungen von Prozessen laufen nach einem allgemeinen Schema ab. Dieses Schema wird durch das Universalschema sichtbar und besprechbar gemacht. 

Häufig wurde auch die Kürze der Definition der Begriffe, die zu dem Universalschema gehören, kritisiert. Die Definitionen unterliegen einem Sachzwang. Die Begriffe müssen so definiert werden, dass sie tatsächlich auf alle Prozesse anwendbar sind und gleichzeitig den speziellen Anforderungen der verschiedenen wissenschaftlichen Disziplinen Rechnung tragen. Ob die Definitionen, die ich gewählt  habe, optimal für alle wissenschaftlichen Disziplinen handhabbar sind, kann ich nicht sagen. Sicherlich stellen unterschiedliche wissenschaftliche Disziplinen auch unterschiedliche Anforderungen an die Definition von Begriffen.

Häufig wird das Universalschema auch mit einer Theorie verglichen. Zitat: „Auf Seite 14 wird die Rolle von Hypothesen erläutert, die der „Verifikation“ bedürfen. Von Karl Popper hat der Herr wohl noch nie gehört. Theorien können niemals verifiziert werden, da man ja nicht weiß, was die Zukunft bringt. Die Theorien gelten so lange als richtig bis sie widerlegt (falsifiziert) sind. In einem Ausmusterungsprozess setzten sich dann sozusagen wie in der Evolution diejenigen Theorien durch, deren Widerlegung misslingt.“. Jahrelang habe ich mit dem Theoriebegriff gearbeitet, bis mir aufgefallen ist, dass dieser Begriff keine Relevanz für ein Universalschema haben kann. Ich halte es heute für falsch, das Universalschema auf der Grundlage theoretischer Annahmen zu besprechen.

Warum? Hierfür gibt es zwei Gründe: erstens bietet das Universalschema keine - oder nur sehr wenige Erklärungsmöglichkeiten. Mit dem Universalschema können Prozesse in vereinheitlichter Form beschrieben und dargestellt werden. Ob es allerdings möglich ist, Prozesse in vereinheitlichter Form auch zu erklären, das wage ich zu bezweifeln. Die Erklärung, warum ein Prozess so oder anders zustande gekommen ist, bleibt häufig der Theoriebildung vorbehalten. Prozesse sind von  stabilisierenden und beeinträchtigenden Faktoren abhängig. Theorien werden auch zur Erklärung von stabilisierenden und beeinträchtigenden Faktoren gebraucht und sind häufig die Grundlagen für durchdachte Intervention.

Ein zweiter Aspekt, warum das Universalschema nicht auf der Grundlage einer theoretischen Diskussion erörtert werden kann, betrifft den Begriff der Falsifikation. Die Hypothese, die dem Universalschema zu Grunde liegt, ist eine natürliche Hypothese. Natürliche Hypothesen sind die konstitutiven Voraussetzungen für die menschliche Erkenntnis und die Wissenschaft schlechthin (vgl.  Poincare,H. (1928, S.122). „Die Hypothese besagt, dass ein Prozess nur unter bestimmten Voraussetzungen zu Stande kommen kann.“ (vgl. P. Hollitzer S.30 ). Im Klartext sagt die Hypothese aus, dass es keine Prozesse gibt, die nicht den Vorstellungen dieser Hypothese unterliegen. Jede theoretische Diskussion und jeder Versuch, die Hypothese zu widerlegen, unterliegt auch gleichzeitig den Vorstellungen dieser Hypothese. Von daher macht es wenig Sinn, die  globale Denkgestalt theoretisch ummanteln zu wollen. Man kann das Universalschema  auch als kleinsten gemeinsamen Nenner für die Beschreibung und Darstellung von Prozessen verstehen. Mir geht es vor allem darum, die Anwendungsbezogenheit und Anwendungstauglichkeit dieses Universalschemas zu prüfen.

In den Gesprächen der letzten Wochen ist häufiger der Begriff  „Rekursion“ gefallen. Das Universalschema ist eine Möglichkeit, den allgemeinen und verbindlichen Zusammenhang eines Prozesses zu beschreiben und darzustellen. Es wird nicht behauptet, dass man am Ende der Argumentation  zum Ausgangspunkt der Argumentation zurückkehrt.

Das Universalschema kann auch als eine Art mentales Kaleidoskop verstanden werden, weil Prozesse aus verschiedenen Perspektiven in gleichbleibender Form dargestellt werden können. Bildung beispielsweise kann als Struktur, als Rahmenbedingung, als Funktion oder als Vorgang verstanden werden (siehe Abb.1).  Durch die verschiedenen Betrachtungsperspektiven ist es möglich, Prozesse anschaulicher zu machen.

 

Abb.1

März 2012

Peter Hollitzer